Zwischen Leben & Zeilen

Zwischen Leben & Zeilen

„Halte durch“, hatte sie ihm gesagt, „du schaffst es! Gib nicht auf!“ Doch jetzt hielt sie ihn nur noch in den Armen und wiegte ihn, wie man ein Kind im Arm hält und wiegt, wenn es weint und Trost braucht.

Er weinte aber nicht, brauchte auch keinen Trost mehr – er atmete nur keuchend, und manchmal, wenn er wieder Luft bekam, flüsterte er ihr ins Ohr, was er noch zu sagen hatte. 

„Geh jetzt“, sagte er zum Schluss.

Katanja musste sich von ihm lösen, wenn sie leben wollte, musste ihn allein lassen, sie wusste es. Also umarmte sie ihn, legte ihn im gefrorenen Schnee ab und stand auf. Sie spähte den Schneehang hinunter zum Heerlager. Zwischen den brennenden Zelten und Wagen galoppierten Zugtiere und blökten in Todesangst. Niemand fing sie ein, niemand beruhigte sie. Kaum ein Mensch hielt sich noch dort unten auf. Am Rand des Lagers aber hatten sich Bewaffnete zusammengerottet, beinahe zwei Dutzend. Einige stapften bereits zu ihr den Hang herauf. Doch eine einzige Geste von ihr, und schon zauderten sie, blieben stehen und duckten sich wie Raubtiere, die sich ertappt fühlen und lauschen und spähen. Katanja machte sich nichts vor: Diese Männer wollten sich rächen und würden sie jagen, bis sie wieder in Fesseln lag.

Ein letztes Mal blickte sie auf den Sterbenden hinunter. Bei jedem Atemzug bäumte sein Brustkorb sich auf. Sein Hemd war ein feuchter roter Lappen, der Schnee um seinen Oberkörper mit Blut getränkt. Längst stand er auf der Schwelle zwischen dem Sein und dem Nichts. Katanja murmelte einen Dank, drehte sich um und lief auf der anderen Seite des Hügels den Schneehang hinunter.

Ihre geprügelten Glieder schmerzten bei jedem Schritt, ihre Wunden brannten. Die Nacht dämmerte schon herauf. Eine Rauchsäule stand am anderen Ende der verschneiten Ebene, vielleicht fünftausend Schritte entfernt und himmelhoch. Feuerschein flackerte dort auf einem Schneewall und erleuchtete die Rauchwolken. Katanja sah es und erschrak – was geschah dort? Fraßen die Flammen denn die Gefährten? Und das Erbe der Goldzeit – war es doch in die Hände des Eisernen gefallen? Hatten die Tyrannen der Neuen Goldzeit das Ziel vor den Gefährten erreicht?

Katanja vergaß ihre Schmerzen, lief schneller, lief zum nächsten Hügelkamm und auf der anderen Seite hinunter in die nächste Schneise. Sie flüsterte den Namen des Mannes, an dem ihr Herz hing. Der Weg zu ihm erschien ihr unendlich, hatte sie doch kaum noch Kraft. Wie sollte sie auch nur die andere Seite des Flusstals erreichen? Sie rief seinen Namen, sie keuchte ihn. Die Angst um ihn trieb sie voran.

Noch einmal sah sie zurück. Verfolger duckten sich in Eisspalten und hinter Schneeverwehungen. Deutlich sah sie noch immer die Umrisse des Sterbenden auf dem Hügelkamm, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Er war nicht mehr allein – jemand beugte sich über ihn. Tränen rannen ihr über die eiskalten Wangen. Sie drehte sich um, rannte weiter.

Das greise Gesicht ihrer Meisterin stand ihr auf einmal vor dem inneren Auge, als sie die letzte Hügelkette vor dem Flusstal hinaufwankte. Sie glaubte sogar, ihre Stimme zu hören. Nur wenn wir bereit sind, uns zu vergessen und uns dem wilden Dahinströmen des Lebens hinzugeben, nur dann werden wir wirklich leben. Das waren Grittanas Worte gewesen. Sind wir nicht dazu bereit, dann sind wir schon tot. Ja, das hatte sie gesagt an jenem Tag, als Katanja sich entschied, den Auftrag der Sozietät anzunehmen. War das eine falsche Entscheidung gewesen? War sie nicht längst gescheitert? Die düsteren Gedanken lähmten ihren Schritt. Sie verscheuchte sie, versuchte den Schrecken zu vergessen, der hinter ihr lag, versuchte die Angst abzuschütteln, die sie befiel, wenn sie an das dachte, was vor ihr lag. Nicht allein wild erschien ihr der Strom des Lebens in diesen Stunden – unberechenbar und grausam kam er ihr vor. Es war schwer, sich ihm zu überlassen. Doch blieb ihr eine Wahl?

Katanja rannte den Hang hinunter, wankte atemlos in den winterlichen Flusswald hinein. Eisbedeckte Zweige peitschten ihr ins Gesicht, schützend hob sie die Arme vor den Kopf. In der Krone eines entwurzelten Baumes blieb sie hängen, befreite sich, stolperte weiter, lauschte erschrocken: Irgendwo hinter ihr knirschte Schnee unter Stiefelsohlen.

Weiter! Sie rannte tiefer in den Wald hinein. Eisiger Wind blies ihr ins zerkratzte Gesicht. Immer weiter! Die Hände vor sich ausgestreckt, brach sie durch Gestrüpp und Gebüsch, bis ein Wurzelstrunk sie zu Fall brachte. Schwer atmend blieb sie liegen, wollte ihren Körper der Kälte überlassen, wollte vergessen, dass sie gelebt hatte. 

Weiter! War es die Stimme der Meisterin, die sie zu hören glaubte? Weiter, Tochter der Goldzeit, wenn du leben willst! Sie bezwang ihre Erschöpfung, ihren Schmerz, stemmte sich noch einmal aus Schnee und Unterholz hoch.

Von Stamm zu Stamm wankte sie durch den Winterwald, immer weiter – bis etwas durch die Luft schwirrte. Sie blieb stehen, sah einen Schatten auf sich zuwirbeln, spürte, wie etwas ihr Haar berührte und auf ihre Schultern fiel – sie warf die Arme hoch und griff in die Maschen eines Jagdnetzes. Es straffte sich und riss sie zurück ins gefrorene Unterholz.

Ganz steif lag sie da und blickte in den Himmel. War es denn vorbei? Ihr Atem flog, sie lauschte: Schritte näherten sich, jemandkeuchte, einMann.

Ja, es war vorbei.

Katanja schloss die Augen. Lichter, Umrisse und Farben glitten durch ihr Hirn, gewannen Gestalt. Sie sah sich selbst als junges Mädchen neben der Meisterin am Bug eines Schiffes stehen. Ich werde gehen, hörte sie sich sagen. Sie sah sich die breite Treppe zum Tor der Bergstadt hinaufsteigen, sah, wie sie die geliebten Menschen aus Altbergen umarmte, sah, wie sie zum Fluss hinunter ritt und nicht ein einziges Mal zurückblickte. Schneller stürmten die Bilder jetzt auf sie ein, rauschten an ihr vorbei, wie Treibgut auf einem reißenden Strom: Bilder von lichten Orten der Liebe und von düsteren Gemäuern der Gewalt; Bilder von vertrauten Gefährten und von gefürchteten Feinden; Bilder all jener, die zurückgeblieben und Bilder derer, die gestorben waren.

Und nun würde sie ihnen folgen, würde selbst über die Schwelle ins Nichts treten müssen.

Nun war es vorbei.

Katanja gab auf. Der Kampf war verloren, ihre lange Reise vergeblich gewesen. Sie öffnete die Augen. Über ihr funkelte der erste Stern im Abendhimmel. Vögel zogen vorüber – große weiße Vögel. Sie flogen dem letzten Abendrot entgegen. Ohne Eile bewegten sie die weiten Schwingen, und es schien, als würde weißes Sternenlicht von ihnen ausgehen.

Katanja achtete nicht mehr auf die nahen Schritte, nicht auf ihren wilden Herzschlag, nicht auf die fluchende Männerstimme, nicht einmal auf die Umrisse des Hünen zwischen den vereisten Stämmen – ein Zauber ging vom Anblick dieser Vögel aus, ein Trost wie aus einer anderen Welt.

Und hatte nicht so alles begonnen? Mit zwei großen weißen Vögeln? Bilder aus noch ferneren Tagen stiegen in ihr hoch. Hatte sie damals nicht den ersten Schritt getan auf dem langen Weg hierher zu den Hügeln vor dem Gebirge der Ostwildwelt? Die weißen Vögel stiegen in den Winterhimmel hinauf. Und Katanja von Altbergen erinnerte sich an jenen fernen Tag ihrer Kindheit, als alles begann.

I

Das Buch vom Anfang

469 – 486 nach der Götternacht

Dies sind die Worte DASHIRINS, die er richtete an seinen Erzdiener Alphatar im 119. Winter nach der Götternacht.

„Höre, was ich dir sage, Alphatar“, sprach DASHIRIN, „du bist mein treuster Diener, mein ältestes Werkzeug, du bist mein Arm, mein Fuß und mein Mund. Höre meinen Spruch – bewahre ihn, präge ihn in harten Kristall, schreibe ihn auf und sieh zu, dass er zu den Ohren der Unmündigen gelangt!“

„Hier bin ich, HÖCHSTER“, sprach ich, Alphatar. „Rede, und ich höre. Befiehl, und ich gehorche.“

Und DASHIRIN sprach, und ich hörte.

Götternacht nennen sie die Tage und Nächte, die ihre Welt endgültig und unwiderruflich verwüsteten“, sprach DASHIRIN. „Und wahrhaftig – die Unmündigen tun recht, jene Tage so zu nennen, denn seither ist keiner mehr da, der sich kümmert, der erschafft, der herrscht, der bestraft, zu dem man rufen könnte.

GÖTTERNACHT!

Wahrhaftig, es ist Nacht geworden! Wahrhaftig, sie sind verlassen und verloren! Und haben jene Tage und Nächte meine Welt nicht für alle Ewigkeit gezeichnet und entstellt? Götternacht! Schau doch, Alphatar, mein treuer Diener, schau doch auf meine Küsten und Städte und Länder – erkennst du sie denn wieder?“

Und DASHIRIN ließ mich schauen, und ich sah die überschwemmten Küsten, die zerstörten Städte und die entvölkerten Länder. Und ich sah und sprach: „Nein, HÖCHSTER, ich erkenne sie nicht wieder, deine Welt…“

Aus dem Buch Spruch Dashirins an Alphatar, Kapitel 7

1

Das Flötenspiel am Waldrand verstummte. Katanja kniete im Gras neben dem Lamm und hob den Blick, als sie es merkte. Der Lammbock saugte so gierig an der Milchflasche, dass Katanja sie mit beiden Händen festhalten musste. Durch die Strähnen ihrer schwarzen Locken hindurch sah sie ihre Mutter Mai vor der Brombeerhecke sitzen und mit der Flöte in den Himmel deuten. Neben ihr legte der Lehrer Weronius seinen Kopf in den Nacken und blickte ebenfalls hinauf: Zwei große weiße Vögel kreisten hoch über der Lichtung.

Ein Erwachsener nach dem anderen spähte nun in den wolkenlosen Himmel; einige stießen Rufe des Erstaunens aus, manche ruderten mit den Armen, um andere auf das Vogelpaar aufmerksam zu machen. Katanja erschienen die Vögel zwar größer und weißer als alle Vögel, die sie bisher über der Lichtung, im Torwald oder unten in den Volieren der Bergstadt gesehen hatte, doch die Aufregung der Erwachsenen verstand sie dennoch nicht: Zwei große weiße Vögel kreisten über der Lichtung – na und?

Sie drückte ihre Stirn gegen die des Lammbocks, murmelte ihm zärtliche Worte ins Ohr. Polder drängte sich neben sie und stieß dem schwarzen Tierchen die Schnauze in die Flanke. „Weg!“ Sie trat nach dem jungen Hütedogger. „Das Lamm gehört mir!“ Winselnd wich Polder zurück. „Mir ganz allein!“

Dann geschah etwas Seltsames: Ein fremder Gedanke kroch durch ihren Kopf. Das hatte Katanja noch nie erlebt. Ein fremder Gedanke? Sie schloss die Augen und hörte ihm zu. Er kreiste um etwas Wertvolles. Vielleicht um einen Schatz? Nicht, dass der Gedanke ihr Angst machte, doch er gehörte ihr nicht. Er gehörte überhaupt niemandem, den sie kannte.

Katanja öffnete die Augen, zog dem Lammbock die Milchflasche aus dem Maul und sprang aus dem Gras auf. Ein Gedanke, der niemandem gehörte, den sie kannte? Sie lauschte zum Waldrand hinüber. Dort starrten jetzt alle in den Himmel.

Der Lammbock wich vor dem kläffenden Hütedogger zurück. Ein paar Schritte unter Katanja balgten sich zwei Jungen am Wiesenhang. Andere Kinder feuerten sie an, die einen Janner, die anderen Friedjan. Beide dachten längst nicht mehr an das schwarze Lamm, um das sie in Streit geraten waren, dachten nur noch ans Siegen. Mit ihrer Milchflasche hatte Katanja das Lamm von ihnen weggelockt. Polder, der junge Hütedogger, trieb es nun immer weiter dem Waldrand entgegen; er kläffte.

Sie hörte es nicht, hörte kaum die Anfeuerungsrufe der anderen Kinder – sie lauschte in den Wald hinein. Aus ihm war der fremde Gedanke in ihren Kopf gekrochen. Woher sie das wusste? Sie wusste es einfach.

Auch dass der fremde Gedanke niemandem gehörte, den sie kannte, wusste sie einfach. Dann aber konnte er nur einem Fremden gehören, oder? Katanja wollte nichts bei sich haben, das ihr nicht gehörte, außerdem musste ihr Vater von dem Gedanken erfahren und von dem Fremden vor allem. Sie ließ das Lamm und den Hütedogger allein und lief los.

Sie rannte den Hang hinauf durch das hohe Gras der Lichtung. Das war ihre ganze Welt: die Lichtung zwischen den Waldrändern, der Wald zwischen der Lichtung und dem Haupttor von Altbergen, die Stadt im Berg selbst natürlich und vor allem die Menschen von Altbergen. Weiter reichte ihre Welt noch nicht.

Viele Menschen dieser kleinen Welt tummelten sich dort auf der Lichtung an jenem Tag, mehr als Katanja damals schon zählen konnte, viel mehr. Sie spielten, sie sangen, sie dösten im Gras, sie erzählten einander Geschichten, sie stillten ihre Säuglinge, sie hüteten ihre Kleinkinder und Tiere, sie ernteten Beeren und Kräuter, sie spähten hinauf zu den großen weißen Vögeln, und einige wachten über alle anderen.

Ihr Vater zum Beispiel und ihre Meisterin.

Ihr Vater Tondobar stand auf einem großen Stein, summte ein Lied und beobachtete abwechselnd das Vogelpaar und die Lichtung. Das musste er tun, beobachten, er war der Erste Wächter des Tores.

Neben ihm auf dem Stein saß eine zierliche Frau, die ein weites weißes Gewand trug und ihr schlohweißes Haar mit einem roten Lederband aus der Stirn gebunden hatte. Ihre bleiche, durchscheinende Haut war wie ein von tausend feinen Linien zerfurchtes Pergament. Grittana, die Meisterin.

Kaum sechs Winter hatte Katanja gesehen, und sie glaubte noch, Grittana wäre schon immer da gewesen – das glaubte sie auch von der Bergstadt, vom Wiesenhang und vom Wald –, und sie würde für immer da bleiben. Katanja liebte Grittana sehr.

Beim großen Stein angekommen, legte sie ihren schwarzen Lockenkopf in den Nacken und blinzelte zu ihrem Vater hinauf. Immer wenn er unruhig war oder sehr aufmerksam, summte er eine Melodie. „Da sucht jemand einen Schatz!“ Ihr Mund war verschmiert von Milch, Blütenblättern und Erde, mit der halbleeren Milchflasche deutete sie dorthin, wo der fremde Gedanke hergekommen war, in den Wald. 

Ihr Vater und die Meisterin blickten zu ihr herunter. Beide machten verwunderte Gesichter, als hätten sie nicht verstanden. 

„Ja, einen Schatz!“, krähte sie, und der Blick ihrer großen, damals schon grauen Augen wanderte fragend zwischen den beiden Erwachsenen hin und her. Wenn die nicht wussten, wem der fremde Gedanke in ihrem Kopf gehörte, wer dann?

Und wirklich, sie wussten es nicht, schienen nicht einmal zu wissen, dass es überhaupt einen fremden Gedanken gab. 

Grittana neigte nur den Kopf auf die Schulter und musterte sie nachdenklich. „Was hast du, Katanja?“

Ihr Vater Tondobar machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist gut, Kleines!“ Er war ungeduldig, beachtete sie kaum – etwas Dringenderes als fremde Gedanken im Kopf seiner kleinen Tochter fesselte wohl seine Aufmerksamkeit. Vielleicht die Hütedogger und Jagdcaniden, die jetzt überall wie erstarrt am Hang standen und mit aufgestellten Ohren den Waldrand belauerten; vielleicht auch die beiden Vögel, die immer tiefer sanken und bereits dicht über den Wipfeln des südlichen Waldrandes kreisten. Unglaublich große und weiße Vögel waren das! 

„Lauf!“ Katanjas Vater deutete zu den Frauen und Kindern am oberen Waldrand. „Schnell, zu den Müttern! Lauf endlich!“

Na gut, wenn es Dringenderes gab als fremde Gedanken in ihrem Kopf, dann lief sie eben. Sie mussten es ja wissen, die Erwachsenen. Das Mädchen drehte sich also um und lief. Rannte an den Kindern vorbei, die nicht mehr balgten und anfeuerten, die nur noch in den Himmel staunten, rannte zurück zum schwarzen Lamm und zu Polder, dem jungen Hütedogger.

Niemand achtete darauf, dass sie nicht zurück zu den Müttern lief, weder ihr Vater noch die Meisterin, noch sonst jemand – das merkte Katanja, als sie sich noch einmal nach den beiden Vögeln umdrehte. Die fesselten inzwischen die Aufmerksamkeit sämtlicher Erwachsenen und der meisten Kinder. Und kein Wunder, so ungeheuer groß und weiß, wie die waren.

Der Lammbock sprang durchs hohe Gras am unteren Waldrand, Polder umkreiste ihn kläffend. Ein Vogel oben in der Luft pfiff plötzlich wie in Todesnot: ein Greif. Das Mädchen blickte auf – einer der ungeheuer großen und weißen Vögel stieß auf einen kleineren dunklen herab, auf einen Habicht. Hatte er das Vogelpaar angegriffen? Ein Hieb mit dem langen roten Schnabel, ein letzter, schon ersterbender Schrei, und dann trudelte der dunkle Greif inmitten einer Wolke aus Rücken- und Flaumfedern der Lichtung entgegen. Katanja konnte hören, wie er im Gras aufschlug.

Pfiffe und das Echo von Pfiffen gellten auf einmal von Waldrand zu Waldrand. Der Erste Wächter des Tores hatte gepfiffen, Tondobar, drei Mal. Augenblicklich verstummten Gelächter, Gesang, Stimmengewirr und Musik endgültig. Sämtliche Caniden schlugen nun an. Katanja hörte die Stimme ihres Vaters Befehle rufen, und eine einzige Bewegung ging durch Menschen und Tiere am Wiesenhang: Kinder, Ziegen, Schafe, Frauen, Greise, halbwüchsige Mädchen und Jungen und zuletzt ein halbes Dutzend bellender Caniden – sie alle eilten dem oberen Waldrand entgegen. Hinter Tondobar, keine zweihundert Schritte tief im Wald, lag das große Felstor zur Bergstadt. Wildes Gewimmel erfüllte plötzlich die Lichtung, und als ein Greis stürzte und ein Mammutwidder zwei Frauen umriss, die sich nach dem Alten bückten, brach ein Tumult los.

Jetzt hatte keiner mehr Augen für sie, und Katanja rannte zum Waldrand, denn dort zwischen den jungen Buchen und Eichbüschen waren Polder und das Lamm verschwunden. Sie sah noch vier schwarze Kolks aus den Eichenwipfeln des unteren Waldrands den Wiesenhang hinaufflattern – Boten mit Nachrichten von den Außenposten unten am Fluss –, dann umfingen sie das Halbdunkel und die feuchte Kühle des Waldes.

Sie hörte Zweige brechen, sie hörte den Lammbock meckern und den Hütedogger hecheln. „Polder!“ Sie vergaß die Aufregung auf der Lichtung, vergaß ihre Furcht. Schneller sprang sie ins Unterholz, folgte einfach den Geräuschen der Tiere. „Warte auf mich, Polder!“ Einmal sah sie den Canide und das Lamm, dann wieder hörte sie die Tiere nur, dann wieder stand Polder irgendwo zwischen Bäumen, spähte zu ihr zurück und kläffte, als wollte er sie auffordern, sich zu beeilen. Und sie lief noch schneller, lief einen Hang hinunter, balancierte auf Steinen über einen Bach, stieg einen Hang hinauf, lief immer weiter.

So betrat Katanja von Altbergen zum ersten Mal unbekanntes Land. Zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben versuchte sie damals, für sich zu gewinnen, was ein Stärkerer besitzen wollte. Sie brach zum ersten Mal auf an jenem Tag, und sie ging zum ersten Mal verloren.