Dieses Gedicht habe ich vor Jahren für einen mir nahestehenden Menschen geschrieben. Erst im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, wie gründlich ich in diesen Versen mich selbst und meine Sicht auf Welt und Leben ausspreche.
Die übliche Version
Der Sommer kam. Nach Island trieb das Meer
die Eisbergtrümmer. Ach – ein weißer Bär
stand ängstlich auf der Scholle. Um ihn schäumte
die See – dass er die Schmelze so verträumte!
Die Streitmacht Islands – glaubt man den Gerüchten –
hätt‘ ihn erschossen. And’re sah’n ihn flüchten:
In einer Bar hätt‘ er sich totgesoffen.
Für diese Fahrt war weiter nichts zu hoffen.
Vielleicht fing man ihn auch für einen Zoo
des Kontinents. Bei totem Fisch und Stroh
verrann es rasch und trist – sein Eisbärleben.
Nur wenn er träumte, sah er Grönland schweben.
Die andere Version
Der Sommer wächst. Nach Island trägt das Meer
ein Schollenschiff; und sieh: Der weiße Bär
tanzt auf dem Eis. Niemals hat er verschlafen –
auf Reisen ist er, späht nach einem Hafen.
Er springt an Land; und bald: Die ersten Bäume!
Ihr Grün berauscht ihn, sättigt seine Träume.
Und Blumen! Schnüffeln muss er, lecken, küssen –
er konnt‘ doch nur von weißen Welten wissen.
Zur Hauptstadt trottet er, in’s Parlament,
wo man ihn kurzerhand zum Chef ernennt
der Außenamtssektion „Europa Süd“.
Erkundigt sich der Bär, was dort so blüht.
Als Botschaftsattaché im Land der Griechen
hängt er im Fels, Agaven zu beriechen.
Tief unter ihm, da tost und schäumt das Meer –
selbst wenn er abstürzt: ich beneid‘ ihn sehr.
Thomas Ziebula
