Ein Truthahn schrie. Schrie und schrie, bis die Traumbilder zerstieben. Bosco fuhr hoch, sein Magen knurrte, vor dem Fenster dämmerte der neue Tag. Und wieder der kollernde Lärm. Er lauschte. Kein Truthahn – auf der Mauer bliesen sie das Kriegshorn! Schritte eilten draußen vorbei, Männer fluchten, Frauen riefen. Sammelten etwa die Tiefländer sich zum nächsten Sturmangriff?
Er schob das Mädchen von seinem Arm, stand auf, schlüpfte in seine Kleider, warf seinen Dachsfellmantel über die Schulter. Und wieder schallte das heisere Kriegshorn über die Dächer. Sie benutzten Wildsauhauer als Fanfaren. Es ging einem durch und durch, dieses barbarische Getröte!
Das Mädchen riss die Augen auf. „Haben sie die Mauer überrannt?“ Plötzlich saß es kerzengerade in den Fellen. „Ich hab Angst, Bosco.“
Er hängte sich das Binocular um, griff nach seiner Armbrust und lief zum Hütteneingang.
„Wohin gehst du? Lass mich doch nicht allein!“
„Ich schau nur kurz nach, was da los ist.“ Er riss den Riegel aus dem Wandbügel. „Wenn es ernst wird, hauen wir ab. Ich nehm dich mit, versprochen!“
Das meinte er so, wie er es sagte, und das Mädchen wusste es. Es machte ein ängstliches Gesicht, zog die Beine an, kauerte sich in die Felle.
Bosco riss die Tür auf, rannte los.
Eigentlich segelte er nur wegen des Mädchens so oft auf die Insel herüber, in letzter Zeit immer öfter. Sie war die Tochter des Cabullos, ein kluges Barbarenmädchen. Brüste wie Kürbisblüten, ein Mund wie eine Paradiespforte und Augen wie die Seen in den Hügeln von Tikanum, wenn die Sonne sich in ihren Wassern spiegelte.
Himmel, wie sein Magen knurrte!
Ein paar Jäger stürzten aus ihren Häusern, schulterten ihre Bogen und Lanzen, rannten hinter ihm her. Auf der Veranda der Gemeinschaftshütte stolperte der Cabullo die Stiegen hinunter, halbnackt und fluchend.
Endlich die Mauer, endlich das Hafentor! Bosco kletterte zum Wehrgang hinauf, geschmeidig und flink wie eine Katze. Er wunderte sich, weil er das nervenzehrende Kriegsgeschrei der Tiefländer noch immer nicht hörte.
Der Hunger machte ihn ganz schwindlig.
Außer dem Turmwächter und der Wachschicht hatten sich auch ein paar nackte Kinder und alte Weiber auf dem Wehrgang versammelt, die ihre Nächte hier oben verbrachten, wenn sie nicht schlafen konnten. Die Greisinnen lehnten zwischen den Zinnen und äugten nach Süden. Bereitwillig machten sie Bosco Platz. Sie sahen ihn gern, den hübschen Fremden mit der braunen Haut, den dunkelblauen Augen und dem schwarzen Langhaar, das ihm störrisch und kraus vom Schädel abstand; die meisten Frauen sahen Bosco gern.
Morgendunst lag über Küste und Meer. Zuerst erkannte Bosco nur das Kriegslager der Tiefländer vor den Dünen, dann ein paar Möwen, dann auf den Dünen die Wachen der Tiefländer, die brüllten und gestikulierten. Andere liefen unten im Lager von Zelt zu Zelt, schlugen auf die Planen, schrien ebenfalls. Schon krochen die ersten Krieger schlaftrunken heraus.
Von einem Sturmangriff keine Spur.
„Was ist da los?“ Bosco knurrte unwillig. „Wozu der Lärm?“
Bevor einer der Mauerwächter antworten konnte, entdeckte er die Rauchsäule über den Umrissen eines großen Schiffes zwischen den Felsrücken der natürlichen Hafeneinfahrt. Gleich dahinter schälten sich die Konturen eines zweiten, dritten und vierten Schiffes aus dem Dunst, ebenfalls Viermaster. Bosco hielt den Atem an: Alle vier Schiffe waren viel länger und breiter als der Dreimastsegler der Tiefländer, der weiter östlich nahe der Klippen vor Anker lag; und über den Mittelschiffen aller vier Großkähne standen Rauchsäulen wie krumme, verkohlte Kiefernstämme.
„Sie brennen“, krähte eines der alten Weiber. „Die verfluchten Schiffe brennen!“
Alle glotzten und nickten.
„Die verfluchten Schiffe brennen keineswegs.“ Bosco wusste es besser. „Leider nicht.“ Inzwischen sprach er den Dialekt der Insulaner fehlerfrei.
Immer mehr Bewohner der Küstensiedlung sammelten sich auf dem Wehrgang, vor allem bewaffnete Wildsaujäger und Fischer. Alle starrten und staunten mit offenen Mündern. Keiner hier hatte je solche Schiffe gesehen. Schiffe, von denen Rauch aufstieg, ohne dass sie brannten? So etwas gab es nicht, hatte es nie gegeben!
„Dämonen!“, flüsterte die Alte. „Dann sind es Dämonen!“
„Beruhige dich, Großmütterchen, es sind auch keine Dämonen.“ Wieder wusste Bosco es besser. Nicht, weil er solche Schiffe kannte, sondern weil er die meisten Bände der Chronik von Tikanum gelesen hatte. Und das, obwohl er noch nicht einmal fünfundzwanzig Sommer zählte. Die Alten hatten solche Schiffe gebaut; Schiffe, die rauchten, ohne zu brennen. Früher, in den Zeiten, die all die Barbaren hier Goldzeit nannten, vor den Katastrophen, die bei ihnen nur Götternacht hießen. Lang her, ewig lang her.
Im Kriegslager der Tiefländer unterhalb der Dünen schlief jetzt keiner mehr. Einer ihrer Capotane – so nannten die Meeresnomaden ihre Anführer – scheuchte die Männer die Dünen hinauf, der andere stand schon oben mit seinen Kämpfern. Struppig sahen sie aus, die wilden Kerle, schmutzig und gelbschwarz.
Das Stimmengewirr auf dem Wehrgang senkte sich zu verhaltenem Gemurmel. Zwei junge Wildsaujäger zogen den Cabullo von der letzten Leitersprosse auf die Mauer herauf.
„Was ist hier los?“ Ächzend schaukelte er zu den Zinnen. Er war nicht mehr der Jüngste, der Dorfhäuptling, der Vater von Boscos Mädchen, und einen fetten Wanst schob er auch vor sich her. „Ich dachte, sie greifen schon wieder an, die dreckigen Caniden!“ Er spuckte aus, spähte zum Strand, und gleich zog ihm die Verblüffung die Kinnlade herunter. „Weg mit euch!“ Der Cabullo begann zu fuchteln. „Weiber, Kinder, alle runter von der Mauer!“ Er kam zu Bosco. „Wer beim heiligen Regenwurm fährt mit rauchenden Schiffen durch die Welt? Kennst du die, Bosco?“
„Glaub nicht.“ Bosco holte sein Doppelglas aus der Tasche, sein Binocular. Bei den Barbaren hatte er den Ruf, weit herum gekommen zu sein und so ziemlich alles schon gesehen zu haben, was es zwischen Himmel und Erde gab. Einer der Vorteile, wenn man sich als halbwegs belesener Mensch unter wildes Volk mischte. Er beugte sich zwischen die Zinnen und setzte das Glas an die Augen. Die Leute hier glaubten, er hätte es im Schutt der großen Ruinenstadt an der Westküste Apenyas ausgegraben. Keiner wusste, wer er wirklich war.
Bosco stutzte: Drei weitere Rauchsäulen tauchten aus dem Dunst auf. Er richtete das Glas auf die Dünen und das Kriegslager der Tiefländer. Die Seeräuber rannten zwischen den Zelten und vor allem auf dem Dünenkamm hin und her, vielleicht waren es hundertzwanzig, vielleicht mehr. Sie palaverten und wussten wohl selbst nicht recht, was sie von den Fremden halten sollten. Zwei Sippen von zwei wendigen Dreimastseglern waren es, Tiefländer vom Stamm der Poruzzen. Die Sippen hießen Rosch und Wenz, und wie die meisten Poruzzen trugen sie Gelbschwarz: Harnisch, Mäntel, Jacken, Bärte, Haare, sogar die Visagen und Glatzen – alles gelbschwarz. Seit sieben Tagen rannten sie gegen die Mauer an. Vergeblich zum Glück, doch es gab nichts mehr zu essen in Chiklyo; so hieß die Siedlung, genau wie die Insel. Heute jedenfalls würden sie keinen neuen Sturmangriff versuchen, die Poruzzen, da legte Bosco sich schon einmal fest. Den Fremden und ihren riesigen Schiffen galt nun ihre Aufmerksamkeit. Sehr gut!
Er richtete das Glas auf das erste Schiff. Die Dunstschwaden lagen inzwischen hinter dem Großkahn, und deutlich erkannte Bosco jetzt das schwarze Rohr zwischen den beiden mittleren Masten. Aus ihm stieg der Rauch. Sogar den Namenszug am Bug konnte er entziffern: Etlantyca. Die Flagge am Hauptmast kannte er nicht – ein Greif über einem Schild und flankiert von anderem Viehzeug, wie Flaggen eben aussahen. Die Gestalten, die sich über die Reling beugten, trugen schwarze oder rote Kappen, lächerlich enge Ganzkörperanzüge und lange Mäntel, ebenfalls schwarz oder rot. Ihre Gesichter waren glattrasiert.
Barbaren rasierten sich nicht, und Bosco bekam es mit der Angst.
Einen sah er an der Bugreling stehen, der jagte ihm sogar einen Schrecken ein, denn der Kerl war groß – riesengroß! –, und er trug eine schwarze Rüstung mit geschlossenem Helmvisier. Neben ihm entdeckte Bosco einen mit Augengläsern, der kaum über die Reling schauen konnte. Ein Verdacht beschlich ihn, ein schlimmer Verdacht.
„Kenn ich nicht.“ Sein Herz klopfte. Irgendetwas hatte er gelesen, in der Chronik von Tikanum, irgendetwas über einen großen schwarzen Kerl. Himmel, warum fiel ihm nicht ein, was genau?
„Und die Flagge?“ Der Cabullo zog den Rotz hoch und spuckte über die Zinnen.
„Kenn ich auch nicht. Ein Großgreif und darunter ein Schild zwischen zwei Vierbeinern, hab ich noch nie gesehen.“
Das stimmte nicht – Bosco kannte die Tiere von Bildern. Und die Bilder kannte er aus einem frühen Band der Chronik von Tikanum. Lauter vergilbte und verblichene Bilder enthielt der, Bilder von Dingen, die heute kein Mensch mehr für möglich hielt, von Dingen, die es nicht mehr gab oder die zumindest Bosco noch nie gesehen hatte. Diesen Bildband hatte Bosco am häufigsten herausgeholt, noch in den Tagen, bevor er zum letzten Mal aus der Erdstadt nach oben in die Wälder gezogen war. Wie hatten sie dieses Tier gleich genannt damals, in den goldenen Zeiten lange vor der Götternacht?
Sämtliche Wildsaujäger und Fischer drängten sich inzwischen auf dem Wehrgang des Hafentors, dazu eine Menge Halbwüchsiger, die schon mit Waffen umgehen konnten oder wenigstens meinten, mit Waffen umgehen zu können; nicht ganz sechzig Mann, schätzte Bosco. Die Tiefländer hatten doppelt so viele Kämpfer, mindestens. Und die Fremden?
Der erste Viermaster ging bereits im natürlichen Hafen von Chiklyo vor Anker, nur einen Steinwurf weit entfernt vom Segler der Poruzzen. Die anderen sechs folgten nacheinander. In drei großen Ruderbooten setzten etwa fünfzig Mann der Fremden kurz darauf an Land über.
Daraufhin taten die Poruzzen, was sie am besten konnten: Sie griffen an. Das Geschwätz auf dem Wehrgang verstummte schlagartig, als die mit der Flut einsetzende Morgenbrise ihr Kampfgeschrei herüber auf die Siedlungsmauer wehte.
„Sie machen einen Fehler.“ Bosco dachte laut, während er durch sein Binocular die Seeräuber auf der Düne beobachtete. Sie gebärdeten sich wie Tobsüchtige, brüllten, schüttelten ihre Mähnen und Fäuste, sprangen auf und ab wie Jagdcaniden, die es kaum erwarten konnten, von der Kette gelassen zu werden. Schon stürmten die ersten zum Strand hinunter. „Sie machen einen großen Fehler, das schwör ich dir, Cabullo! Die Fremden sehen nämlich nicht aus, als suchten sie Streit.“
Diesen Eindruck machten die Männer tatsächlich nicht. Einige waren bereits an Land gegangen, standen jetzt aber still und blickten den Angreifern entgegen. Verblüfft wahrscheinlich, aber zugleich auch irgendwie gelassen. Fürchteten sie sich denn überhaupt nicht?
„Freuen wir uns über jeden Fehler, den die wilden Kerle machen!“ Der Cabullo schlug Bosco auf die Schulter. Er wirkte deutlich entspannter jetzt, wo der Dünenkamm sich leerte, weil die Poruzzen den Strand stürmten und aus dem Blickfeld der Männer auf der Mauer gerieten. „So ein Fehler, Bosco, weißt du? So ein Fehler, der beschert uns vielleicht ein paar tote Belagerer, der beschert den Tiefländern vielleicht so viele blutige Nasen, dass sie endlich abziehen, weißt du?“ Der Cabullo hörte nicht auf, seine Schulter zu tätscheln. Er betrachtete Bosco längst als Schwiegersohn.
Das war ein Problem. Bosco dachte nicht daran, sich in diesem Kaff niederzulassen, nicht einmal auf der Insel wollte er dauerhaft leben. Er brauchte die Wälder, die Hügel, die Süßwasserseen, die Welse, die Karpfen, das Wild und die Vögel; und hin und wieder musste er zur Sozietät in die Erdstadt hinuntersteigen, und sei es nur, um sich mit seinem Vater und seiner Schwester zu streiten, unter dem prüfenden Blick der Meisterin Gewissensbisse zu empfinden und ein wenig in der Chronik zu schmökern. Er brauchte das einfach, na und? Aber mit einer Barbarin als Frau? Unmöglich, sie mit nach Tikanum zu nehmen! Andererseits …
Andererseits konnte er von dem Mädchen nicht lassen. Es war ein Problem, wirklich wahr.
In dem ersten Ruderboot erhob sich jetzt einer der Fremden. Der Riese? Das Glas gegen die Augen gepresst, beugte Bosco sich zwischen die Zinnen. Ja, der Riese, der Schwarze, der Eiserne! Der drehte sich um und winkte den Leuten auf seinem Viermaster zu.
„Gib her!“ Der Cabullo entriss Bosco das Binocular. „Will auch gucken!“
Genau in diesem Moment warfen die Fremden, die schon an Land waren, sich in den Sand, und die noch in den Booten hockten, beugten ihre Oberkörper über die Schenkel und verschränkten die Arme über den Köpfen. Ein Blitz zuckte, ein Donner krachte, eine Fontäne aus weißem Sand, Schwertern, Äxten, Stiefeln, Jacken und rötlichen Gliedmaßen stieg hinter den Dünen auf, öffnete sich weit, stand einen Wimpernschlag lang still und fiel dann in sich zusammen. Eine Orkanböe fegte über die Mauerkrone.
Bosco kniff geblendet die Lider zusammen, ließ sich auf den Wehrgang fallen, presste die Faust vor die Lippen. Seine Augen schmerzten, sein Hirn war leer. Niemand stand mehr, alle kauerten jetzt unter den Zinnen auf den Holzbohlen des Wehrgangs. Neben ihm fluchte der Cabullo – vielleicht betete er auch –, neben diesem stammelte einer den Namen irgendeines Gottes, ein anderer zischte einen Zauberspruch gegen Dämonen, und zwei Halbwüchsige riefen nach ihrer Mutter.
Noch einmal zuckte ein Blitz durch den Morgenhimmel, und gleich darauf wieder dieses ohrenbetäubende Krachen. In Boscos Hirn drehte sich ein Karussell aus Bildern, Fragen und Empfindungen. Er dachte an Berichte von Kriegen lange vor der Götternacht, vergilbte Bilder von toten Städten standen ihm vor Augen, und er versuchte sich an das zu erinnern, was die Meisterin ihn über verbotene Waffen gelehrt hatte. Wieder fegte ein Windstoß über die Zinnen.
Danach blieb es erst einmal ruhig. Nur das Getrommel seines Herzens hörte Bosco noch, die keuchenden Atemzüge der Männer neben ihm und das fluchende Geflüster des Cabullos. Irgendwann dann Stimmen von den Dünen her, aufgeregte Stimmen, die sich näherten. Bosco wagte es als Erster, schob sich behutsam am Steinwall hoch, lugte vorsichtig zwischen den Zinnen hindurch.
Die Poruzzen. Sie rannten wie die Langohren. Sechzig oder siebzig Männer, an der Spitze der Sohn eines Capotans. Nach einem Sturmangriff sah das nicht aus.
„Suchen also keinen Streit …“, zischte der Cabullo unter ihm. „Was du nicht sagst!“
Bosco drückte das Glas an die Augen – der junge Rosch ruderte mit den Armen, winkte seine Leute hinter sich her. Er hieß Cahn, Cahn Rosch, genau. Bosco wusste es, weil das Großmaul sich dreimal am Tag vor dem Tor aufgeblasen und die Übergabe der Siedlung gefordert hatte. Der junge, kahlköpfige Hüne trug einen Mantel aus schwarzen und gelben Flicken und hatte seine Glatze mit schwarzen und gelben Streifen bemalt.
Seinen Vater, den Capotan, entdeckte Bosco in den hinteren Reihen der Flüchtenden. Neben ihm stolperte der Anführer der Wenz-Sippe. Bosco kannte die Häuptlinge der Meeresnomaden inzwischen, hatte sich ja Tag für Tag ihr Geprahle anhören müssen.
Nacheinander tauchte ein Dutzend der Fremden vom Viermaster auf dem Dünenkamm auf. Auch der Winzling mit den Augengläsern und der schwarze Riese. An Ketten zerrte der zwei mächtige Caniden zu sich, ging auf die Knie, klemmte die Nacken der Caniden unter seine eisernen Arme, hielt sie fest.
„Was macht der da?“ Neben Bosco hatte sich nun auch der Cabullo aus der Deckung gewagt. Er riss dem Jüngeren wieder das Binocular aus den Händen und drückte es selbst an die Augen. „Beschwört der die Geister? Betet der?“
„Mit seinen Kötern?“ Bosco wusste nicht, was er davon halten sollte: Immer mehr Fremde erschienen auf dem Dünenkamm und keiner nahm die Verfolgung der Seeräuber auf; alle standen nur reglos da und blickten der flüchtenden Horde nach. Ganz unrecht hatte der Cabullo nicht: Tatsächlich glich der Riese einem in Andacht Versunkenen, wie er da vierhundert Schritte entfernt zwischen seinen Caniden kniete und sie umarmte.
Es geschah so unverhofft, dass Bosco und der Cabullo den Atem anhielten: Die Zelte der Poruzzen brachen zusammen, und die hinteren Reihen der Flüchtenden stürzten in den Sand. Es war, als hätte die unsichtbare Hand eines Titanen Zelte und Seeräuber mit einem einzigen Hieb zu Boden geschlagen, als hätte eine Orkanböe sie umgerissen.
Gab es eine Erklärung dafür? Bosco hatte keine. Er fror plötzlich, und er sah, wie dem Cabullo neben ihm die Unterlippe zitterte.
Die gestürzten Poruzzen stemmten sich wieder hoch, taumelten hinter ihren Gefährten her. Ein grauer Ritter mit rotem Mantel tauchte plötzlich zwischen dem Zwerg und dem schwarzen Riesen auf. Er sprang die Düne herunter, jagte mit wehendem Mantel den Flüchtenden nach, erwischte die beiden letzten und hielt sie fest – Cahn und Wenz, die alten Capotane. Ihre Männer rannten weiter, rannten rechts und links an Chiklyo vorbei Richtung Nordküste, wo das zweite Schiff der Seeräuber ankerte. Die Mauern der Siedlung beachteten sie nicht, ihr zerstörtes Lager ließen sie zurück.
Die Flucht der Poruzzen erschütterte Bosco fast noch mehr als die Feuerblitze und der unerklärliche Zusammenbruch der Zelte und der Flüchtenden – Tiefländer rannten normalerweise nicht weg, vor niemandem. Und schon gar nicht ließen sie ihre Capotane im Stich.
„Was war das, Bosco?“, flüsterte der Cabullo. „Sag mir, was das war …“
Bosco antwortete nicht. Er nahm das Binocular entgegen, das der Ältere ihm reichte. Es war feucht vom Schweiß seiner Hände. Vor den Dünen stieß der graue Ritter seine Gefangenen zu Boden, riss ein Schwert aus der Rückenscheide und schlug beiden Capotanen die Schädel ab, erst dem alten Rosch, dann dem alten Wenz. Bosco traute seinen Augen nicht, so blitzschnell ging das. Auf dem Wehrgang brach Jubelgeschrei aus.
Der Cabullo jubelte nicht und Bosco schon gar nicht. Ihm war übel, und nicht nur vor Hunger. Er richtete das Binocular auf den grauen Ritter. Der wischte sein Langschwert an einem der Toten ab. Hinter den Sichtschlitzen seines Visiers glitzerte etwas, als würden seine Augen brennen. Er drehte sich um und stapfte zurück zu dem Winzling auf der Düne. Wer um alles in der Welt war dieser Kerl?
Und dieser eiserne Riese vor allem – wer war der? Er sprach mit dem Zwerg, rief einen Befehl und stieg dann an der Spitze einer Kolonne aus knapp siebzig Fremden die Dünen herunter, durchquerte das verwüstete Heerlager der Seeräuber und marschierte zum Tor der Siedlung. Keiner auf dem Wehrgang sprach noch ein Wort. Die meisten der fremden Krieger trugen dunkle Helme und mit schwarzem Leder bespannte Rüstungen. Einige waren in schwarze Mäntel gehüllt, manche auch in rote. An den grazileren Bewegungen und zierlicheren Gestalten glaubte Bosco auch etliche Frauen unter ihnen zu erkennen. Vor dem Tor machten die Fremden halt.
Der Riese ragte aus ihrer ersten Reihe auf. An zwei Ketten, die er sich um den linken Unterarm gewickelt hatte, führte er die beiden Caniden – Rüden, wie es aussah. Schwarz-weiß gescheckte Giganten waren das, größer als der größte Wildeber, den Bosco bislang zu Gesicht bekommen hatte; säbelförmige Reißzähne ragten ihnen aus den lappenartigen, schwarzen Lefzen. Die Rüstung ihres Herrn war aus schmutzigem, schwarzem Eisen, sein Visier geschlossen, und in der Rechten hielt er einen Speer, lang wie eine junge Kiefer. Dessen Schaft stieß er ein paar Mal gegen das Tor.
Ob er wollte oder nicht – der Cabullo war der Cabullo und verdammt dazu, eine gute Figur zu machen, also trat er an die Zinnen und beugte sich über die Mauerkrone. Vermutlich wollte er irgendetwas sagen, doch mehr als ein Räuspern kam nicht über seine Lippen; der Anblick des schwarzen Eisenmannes verschlug ihm wohl die Sprache.
„Bist du der Prim hier?“, fragte der Eiserne. Sein Bass dröhnte, und er dröhnte noch lauter, als der Cabullo nicht reagierte: „Bist du der Erste in diesem Dorf? Sprich!“ Hinter den Augenschlitzen seines Visiers leuchtete es grellblau und weiß und violett.
Jetzt nickte der Cabullo von Chiklyo.
„Mach dir keine Sorgen“, dröhnte es dumpf hinter dem Visier des schwarzen Hünen. „Alles wird gut – wir müssen nicht jedes Mal gleich Blitz und Donner entfesseln, nicht wahr?“
Der Cabullo nickte stumm.
„Schon gar nicht mit unsichtbaren Fäusten zuschlagen, oder?“
Und wieder nickte der Cabullo.
„Also, was ist?“, fragte der schwarze Hüne. „Wollt ihr nicht endlich das Tor aufmachen?“
Bosco musste immer auf das blaue Licht starren, das aus den Augenschlitzen des Eisernen strahlte. Es machte ihm Angst, und die Angst war auch in den anderen Gesichtern auf dem Wehrgang zu beobachten, einschließlich der Miene des Cabullos. Der hing zwischen den Zinnen wie eingeklemmt. Was würde er tun?
Bosco sah das unheimliche Licht, dachte an die Dampfschiffe, an die fremde Flagge, die grellen Blitze und die scheinbar grundlos stürzenden Zelte und Seeräuber – und inbrünstig hoffte er, der Cabullo würde sich weigern, das Tor zu öffnen. Zugleich aber knurrte sein Magen und ihm war schwindlig vor Hunger. Noch inbrünstiger hoffte er also, der Cabullo würde es endlich öffnen.
„Also gut“, sagte der Cabullo, „dann lass ich halt aufmachen.“ Mit stummen Gesten gab er den Befehl, und bald darauf zog der schwarze Riese mit seinen Mammutcaniden an der Spitze seiner Leute durch das Tor und nahm die Siedlung ein. Der Zwerg und sein grauer Ritter beobachteten den Einzug des Eisernen vom Dünenkamm aus.
Versteckt in der Menge und unter der Kapuze seines Dachsfellmantels richtete Bosco seinen verborgenen Sinn auf den Eisenkrieger, als der vorüberging. Nichts spürte er, gar nichts. Er versuchte es mit einem der Rüden, konzentrierte seine Gedanken auf das große Tier, ahmte murmelnd ein Winseln nach. Prompt wandte der Mammutcanide den Schädel. Zwei Atemzüge lang gelang es Bosco, den Blick des knurrenden Tieres festzuhalten, bevor der schwarze Riese es an der Kette mit sich zerrte.
Keiner in der Siedlung, der nach der langen Belagerung nicht nach frischem Fleisch hungerte. Also forderte der Cabullo Bosco auf, sich den Jägern anzuschließen, die schon kurz nach der Einnahme unter der Führung einiger Fremder aus dem Waldtor zogen. Keiner nämlich ahmte den Brunftruf der Wildsau so perfekt nach wie der kleine, drahtige Vagabund vom Festland; niemand lockte in kürzerer Zeit mehr Beute an als er. Und Bosco wäre gern mit den Jägern gegangen – das Mädchen mitnehmen, sich während der Jagd absetzen und zurück ans Festland rudern, das war es, was Bosco am vernünftigsten erschien. Unter einem Vorwand lehnte er dennoch ab.
Bosco war an einen Eid gebunden: Ihn, den Rebellen und Außenseiter, unterstützten die Ältesten der Erdstadt nur, weil er geschworen hatte, als Späher unter den Barbaren Augen und Ohren offen zu halten. Und hier in Chiklyo – soviel war ihm längst klar –, hier würde es demnächst Dinge zu hören und zu sehen geben, die zu erfahren für die Sozietät überlebenswichtig sein konnte.
Er ahnte ja nicht, wie recht er behalten sollte!
„Das ist erst der Anfang“, verkündete einer der Offiziere des Eisenmannes später von der Veranda der Gemeinschaftshütte herab. Die Bewohner der Siedlung hatten sich davor auf dem Dorfplatz versammelt, zweihundert Männer, Frauen und Kinder und ihre Caniden. „Wir werden auch die anderen Inseln befrieden, danach die Küste, einen Stamm nach dem anderen. Und ihr werdet uns helfen, nicht wahr? Danach suchen wir die Feinde der Neuen Goldzeit.“
Der Offizier war klein und schmächtig – das waren sie übrigens fast alle, die Fremden, bis auf den Eisernen – und trug einen schwarzen Ganzkörperanzug. Dazu diese lächerliche Kappe, die sogar den Hals bedeckte und von seinem Gesicht nur die Öffnungen freiließ. Sein Mantel war rot und reichte ihm bis an die Knöchel. Er benutzte die Sprache der Südländer und sprach sie mit weichem, gedehntem Akzent. Als Bosco seine verborgenen Sinne auf ihn richtete, spürte er eine Mischung aus Gleichmut, Genugtuung und dem Gefühl grenzenloser Überlegenheit.
Jetzt hob der Rotmantel die Stimme und rief: „Ich sagte ‚Feinde der Goldzeit’, und ich spreche von Leuten, die unter der Erde leben! ‚Maulwürfe’ nennt ihr dieses lichtscheue Pack, nicht wahr? Wer von euch ist solchen Leuten schon begegnet?“
Bosco starrte auf den Hinterkopf seines Schwiegervaters. Ganz ruhig, nur nicht auffallen! Jemand schien Eis in sein Blut gespült zu haben. Die Erdstadt suchten sie? Aber warum nur?
Bosco begann zu ahnen, dass die Sozietät in Gefahr war. So schnell wie möglich musste er die Meisterin und die Ältesten von Tikanum warnen!
